Glarus schreibt - neue Talente gesucht

Die achtjährige Sofia Imperiale gewinnt „Glarus schreibt“

 

Am 20.6 wurden in der Kanti-Mensa die Sieger des Pionierevents „Glarus schreibt“ gekürt. Dies mit fast dreissig Lesungen, Live-Musik und einer flotten Moderation

 

Durch das dichte, fast zweieinhalbstündige Programm führte das Glarner Moderatoren-Team Rebecca Knobel und Roger Rhyner, der Volleyballclub Glaronia sorgte fürs leibliche Wohl. In den Musikeinlagen verzauberten die herrliche Stimme der jungen Sängerin Afra Hämmerli und das Gitarrenspiel von Jonas Baltensperger. Dass der Anlass wegen des unsicheren Wetters von der Freiluftbühne in die Kanti-Mensa verlegt wurde, tat der Stimmung keinen Abbruch. „Wir sind glücklich über den gelungenen Abend – das Echo war sehr positiv und eine Wiederholung könnten wir uns gut vorstellen“, meinte das Team des Vereins Kulturzyt, welches zusammen mit Fabienne Leisibach, Verlagsfrau von Baeschlin, den Anlass organisiert hatte. Unter den fast 30 Nachwuchsautoren waren überwiegend Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus der dem Kanton Glarus und der Region. Svenja Hermann und Daniel Mezger, welche die Kindertexte jurierten und vorlasen, waren von deren Qualität so begeistert, dass gleich alle Kinder als Siegerpreis eine Einladung zum Schreibworkshop mit Svenja Hermann am 29.11. in Glarus erhielten. Mit dem Spezialpreis wurde Sonja Imperiale ausgezeichnet (siehe unten). Bevor es mit den Erwachsenen-Texten weiterging, lauschte das Publikum gespannt, wie Roger Rhyner den Jungautor Alfonso Hophan interviewte. Hophan, der sich „eigentlich nicht als Schriftsteller“ sieht, verriet, dass ihm unter Stress die besten Ideen zum Schreiben kämen und er sein erstes Buch kaum geplant habe, eins habe das andere ergeben. Für die Erwachsenen jurierten Fabienne Leisibach, Daniel Mezger und Peter Wehrli alias Koni Fehr, wobei die Autoren ebenfalls Kostproben aus ihren Texten lasen. Am Ende stand fand: Eine grosse Palette dramatischer, poetischer oder nachdenklicher Texte hatte den Weg auf die Bühne gefunden. Die Jury, welche vier Gewinner mit Preisen bedenken durfte – Schreibworkshops beim Kolumnisten-Duo Schreiber & Schneider – hatte es nicht leicht. Schlussendlich wurden in der Erwachsenen-Liga gekürt: Runa Wehrli (16) aus Ennenda mit „Do“; Sirkka Marti (17) aus Nidfurn mit „Sommernacht“, Getrud Franke (61) aus Ennenda mit „Wem gehört die Luft?“ und Melissa Bruhin (16) aus Schwanden mit „Der Schulabbrecher“. Den Publikumspreis gewann Meenu Puthiyedathe (17) aus Netstal mit „Ein Moment der Schwäche“.

 

Kurzporträt Sofia Imperiale

Sofia Imperiale ist achtjährig und besucht die Primarschule Oberdorf in Benken

Ihre Hobbies sind Schreiben und Reiten – ihre zwei Traumberufe wären: Schrift-stellerin oder Reitlehrerin. Wie viele Schreibtalente liest auch Sofia sehr gerne, „vor allem Sachbücher und etwas über Tiere. Lesen macht Spass und man kann dabei viel lernen!“ Wie kommt sie zu Ihren Schreib-Ideen? „Die sind einfach in meinem Kopf.“ Momentan arbeitet Sofia mit einer Kollegin zusammen an einem Buch: „Sie kann eben sehr gut zeichnen, da ergänzen wir uns.“ Über die Entstehung von „Meine Katze Alma“ verrät Sofia: „Ich hatte mal eine Katze, die Alma hiess, leider wurde sie von einem Auto überfahren. Nun habe ich wieder einen Kater, Lilo.“ Die Abenteuer von Alma – so befand die Jury – verraten eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, einen Sinn für Situationskomik und der Erwachsenenwelt werde ein Spiegel vorgehalten. Zum Schreiben benutzt Sofia dicke Hefte mit einem besonders schönen Einband, die sie jeweils währen der Ferien in Italien kauft. Heft um Heft füllt Sofia mit ihren Geschichten. Ein ganzes Buch hat sie zu „Alma“ geschrieben – dieses hat natürlich nicht in einer Ausgabe der Glarnerwoche Platz.

Hier der am Wettbewerb vorgetragene Ausschnitt:

Meine Katze Alma (Sofia Imperiale)

 

Mein Geburtstag und ein Schrei

Hallo ich heisse Carola. Morgen werd ich acht. Ich freue mich schon riesig auf meinen Geburtstag. Heute ist meine Tante Lisbet eingetroffen. Sie kommt aus Amerika. Als sie mich sah sagte sie, Hälou Carola bist du aber zu einem girl gewachsen. Das so viel wie, Hallo Carola bist du aber zu einem Mädchen gewachsen bedeutet.

Dann gingen wir ins Bett.

Während Tante Lisbet ihre 12 aneinander gehängten Koffer in ihr Zimmer

schleppte tat ich 2 Dinge. 1. Ich hörte Papa zu wie er sagte, diese Tante, 12 Koffer für eine Person!

2. Ich sagte Mama dass ich mir am liebsten … (dann schlief ich ein).

 

Mein Geburtstag!

Von meinen 9 anderen Tanten bekam ich ein Kätzchenbuch, eine aufdrehbare Spielzeugmaus, einen Kratzbaum, Katzenfutter, Futternapf, Trinknapf, Katzenklo, Katzenstreu und ein Halsband mit Juwelen besetzt. Doch von Mama und Papa bekam ich eine Katzen-DVD. Und von Tante Lisbet bekam ich, AAAHHH, eine Katze! Es stand noch auf der Karte: Sie heisst Alms. Vielen Dank Tante Lisbet. Mama

und Papa glotzten auf Tante Lisbet. Da schnappte ich mir Alma und rannte in mein

Zimmer. Jetzt merkte ich, wieso ich von meinen 9 anderen Tanten nützliche Katzendinge bekam.

Ich legte das Kätzchenbuch auf meinen Schreibtisch, die aufdrehbare Spielzeugmaus kam neben den Kratzbaum, das Katzenfutter natürlich neben den Trinknapf, das Katzenklo kam in eine leere Ecke, das Katzenstreu kam in die Katzentoilette, das juwelenbesetzte Halsband an den Hals von Alma.

Als erstes sah sich Alma mein Zimmer ganz genau an. Dann schaute sie sich alle meine Geschenke an. Dann kackte Alma in ihre Toilette. Dann holte ich eine Schaukel, nein keine Schaukel, eine Schaufel.

 

Ein Versehen

Almas Kacke warf ich aus dem Fenster. Dort waren Mama und Papa. Sie hörten den Vögeln mit geschlossenen Augen zu. Oh nein, sie hatten den Mund offen! Die Katzenkacke teilte sich in 2 und in Mamas und Papas Mund. Platsch jeder ass eine Alma-Kacke. Mama sagte zu Papa, hat dir auch gerade ein Vogel in den Mund gekackt? Ja, es war eigentlich ganz lecker. Komm wir beten: Oh Gott der Vögel, gib

uns mehr Vogelkacke.

Puh, Carola atmete erleichtert aus. Wer weiss, was passiert wäre. Alma könnte verkauft werden, vielleicht würden Mama und Papa Alma sogar grillen. Ein Glück dass alles gut gegangen ist.

Alma was machst du denn da?

Alma schaute ihr Spiegelbild interessiert an. Dann ass sie 2 Schüsseln Katzenfutter auf. Dann legte sie sich in ihren Kratzbaum und schlief. In der Zwischenzeit machte ich meine Hausaufgaben. Dann wachte Alma auf. Ich drehte die Spielzeugmaus auf. Alma rannte ihr blitzschnell hinterher. Ich sass auf meinem Hochbett, dass sie meine Füsse nicht auffrass.

 

 

 

 

Ein Moment der Schwäche (Meenu Puthiyedathe*, Gewinnerin Publikumspreis)

 

Sie sitzt auf dem Balkon, die langen Beine übereinander geschlagen, die schlaksigen Arme verschränkt, den nachdenklichen Blick in die Weite gerichtet. Es ist wieder einer dieser häufigen Nächte, in denen Tausende von Gedanken rasant und ohne Halt in ihrem Kopf herumfliegen. Sie lehnt sich  zurück und spürt, wie der kalte Windhauch über ihre dunkle Haut streicht. Auch in dieser Nacht kann sie keine Ruhe finden. Ihre Gedanken rauben ihr den Schlaf und warten unruhig darauf, wahrgenommen zu werden.

„Warum liegt dieser grosse Druck auf den Indern der zweiten Generation? Warum müssen wir immer die Besten sein? Weshalb wird das von uns verlangt?“

Wäre  sie in Indien, könnte sie vielleicht so sein, wie es sich ihre Eltern wünschen. Aber hier, hier gibt es so vieles, das sie machen möchte. Schule ist nicht alles, um das sich ihre Gedanken drehen. Jedenfalls war es bisher nicht so.

Weshalb hat sie sich so sehr verändert? Warum ist sie nicht mehr das kleine, aufgedrehte Mädchen voller Hoffnung und Lebenslust. Wo sind ihre Träume und Wünsche geblieben? Sie können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben?

Früher hat sie es gehasst, so zu sein, Inderin zu sein. Sie hat das Leben als Inderin so sehr verabscheut, weil sie kaum einen einzigen Tag leben konnte, ohne eine Träne wegen ihrer Herkunft vergossen zu haben. Als Teenager wollte sie frei sein, sich mit Freunden treffen, sich verlieben, Kind sein. Aber dazu kam es nie, weil sie im Hinterkopf immer diese hemmenden Gedanken hatte, die sie daran erinnerten, dass sie Inderin ist. Und sie tun es immer noch.

Sie versucht es. Sich akzeptieren, so wie sie ist, mit allem Drum und Dran. Sie redet sich ein, dass sie es geschafft hat, dass sie jetzt sogar stolz ist, Inderin zu sein. Aber es gibt Momente, da fragt sie sich, ob das wirklich wahr ist. Sie kann nicht einfach vergessen, dass sie manchmal einfach zusammenbricht, innerlich, weil sie merkt, dass sie die Last, die auf ihr liegt, nicht mehr erträgt.

Früher hat sie sich in solchen Situationen in ihrer Gedankenwelt versteckt. Sie war eine Tagträumerin, dachte lange an ihre Idealvorstellung von ihr selber, und liess sich von ihr von all ihren Sorgen ablenken.  Aber leider dauerte das nicht lange. Immer wieder wurde sie brutal in die Realität zurückgeholt, und das von ihren eigenen Gedanken. Dann fingen die Weinkrämpfe an, begleitet mit Wutausbrüchen, alle gegen sich selber gerichtet. Die Tatsache, dass sie viele ihrer Träume nicht verfolgen kann, weil sie ansonsten ihre Eltern enttäuschen würde, machte sie fertig.

Sie wünschte, sie wäre glücklich. Ihr wurde ein wunderschönes Leben geschenkt, mit einer Familie, die nicht besser sein könnte, in einem Land, das den zweiten Namen ‚Paradies‘ trägt. Sie hat alles, was sie braucht und ist sehr dankbar dafür. Aber ihre Gedanken  plagen sie.

Sie denkt ständig daran, dass sie nie das Leben führen kann, das sie will – aber woher will sie das eigentlich wissen? Vielleicht sind ihre Eltern gar nicht so, wie sie denkt? Sie weiss, dass sie nur das Allerbeste für sie wollen. Aber was ist ihnen wichtiger? Ihre Tochter, oder die Tradition und die Ehre der Familie?

Wie würden ihre Eltern reagieren, wenn sie ihnen beichten würde, dass sie später gerne Schriftstellerin sein möchte? Was würden sie machen, wenn ihre Tochter ausziehen und in den eigenen vier Wänden leben möchte – alleine? Würden sie es akzeptieren, wenn sie sich in einen Schweizer verlieben würde oder wenn sie sich gegen eine arrangierte Hochzeit mit einem Inder, den sie kaum kennt, entscheiden würde?

So viele Fragen, die sie seit Jahren verfolgen. Wo bleiben bloss die Antworten?

 

*Meenu Puthiyedathe), 17, Netstal, ist Maturandin an der Kantonsschule Glarus)

Projektbeschrieb „Glarus schreibt und liest“

 

Neue Schreibtalente gesucht!

 

Ort: Glarus, Bühne Sommer in der Stadt oder Kanti Glarus (bei Schlechtwetter)

 

Zeit: Freitag 20. Juni, 18-22 Uhr

 

 

Zweites Hauptprojekt der Kulturzyt in der Saison 2013/2014

 

 

Mit obligatorischer Anmeldung der aktiven Teilnehmenden, Durchführung nach Altersklassen (Kinder und Jugendliche ≤15 Jahre / junge Erwachsene ≤ 25 Jahre / Erwachsene)

 

Neue Schreibtalente gesucht!

Am 20. Juni bekommst du die Gelegenheit, deinen Text auf der Sommerbühne in Glarus vorzulesen. Als Hauptpreis winkt ein Schreibworkshop von Schreiber & Schneider. Melde dich ab jetzt und bis zum 31. Mai in der Buchhandlung Baeschlin an (Anmeldegebühr Kinder: CHF 5.00, Erwachsene: CHF 10.00).

Der Wettbewerb wird in zwei Kategorien ausgetragen und von einer professionellen Jury bewertet (Daniel Mezger, Fabienne Leisibach und Peter Wehrli).

Durch den Anlass führen Rebecca Knobel & Roger Rhyner, die musikalische Begleitung liefern Afra Hämmerli & Jonas Waltensberger.

Nähere Infos unter: www.kulturzyt.ch oder 055 640 11 25

Flyer liegen in der Buchhandlung Baeschlin auf!

 

Teil 1: Texte von Kinder und Jugendlichen, vorgetragen durch zwei Profis.

 

Teil 2: Texte von jungen Erwachsenen & Erwachsenen, selbst vorgetragen.

 

Die Anwesenden haben die Chance, ein persönliches Feedback der anwesenden Profis zu erhalten und / oder allenfalls das Interesse eines Verlages zu wecken (3 Verleger im Publikum). In jeder Altersklasse wird als Hauptpreis ein professioneller Schreibworkshop vergeben; alle Teilnehmenden erhalten jedoch eine Anerkennungs-Urkunde der Kulturzyt. Der Anlass wird moderiert durch ein Glarner Nachwuchstalent (Rebekka Knobel) mit professioneller Unterstützung durch Coach Roger Rhyner. Die Musikalische Umrahmung erfolgt durch ein Glarner Gesangstalent (Afra Hämmerli und Begleitung). Bewirtung durch den Volleyballclub Glaronia in Eigenverantwortung.

 

Budget / Finanzierung

 

 

Aufgrund des Pioniercharakters des Events ist mit grösserem Konzept-Aufwand und aufwän-diger Öffentlichkeitsarbeit zu rechnen (Information an Schulen etc.) Anmeldegebühr für Teilnehmende zur Unkostendeckung erhoben. Für Publikum Kollekte.

 

Weitere Partner:

 

Baeschlin Bücher, VerlegerInnen, AutorInnen, Volleyballclub Glaronia, Kamm-Bartel-Stiftung, Lotteriefonds Kt. Glarus, Gemeinde Glarus, Presse (Glarner Woche)

 

Welche Werte werden angesprochen?

 

Kreativität wird ganz konkret gefördert und ein Podium für JungautorInnen geboten. Damit wird ein Zeichen gesetzt sich, sich im Sinne des Kulturzyt-Leitbilds nicht mit dem Konsum von Kultur zu begnügen, sondern auch eigene Ressourcen zu entdecken und zu leben.

 

Nachhaltigkeit des Projekts:

 

Die Nachhaltigkeit der Talentförderung soll durch Vergabe von Schreibworkshops erhöht werden. Es besteht auch die Chance, bei einem der anwesenden Verleger einen Vertrag zu erhalten. Bei Erfolg 2-jährliche Wiederholung von „Glarus schreibt“.